Meilenstein in der Extremitätenrettung
Neues interdisziplinäres System revolutioniert die Traumaversorgung
Deutschlandweite Premiere zur Steigerung der Patientensicherheit: Das Klinikum St. Georg startet als eine von sechs ausgewählten Pilotkliniken als Orthoplastisches Kompetenzzentrum.
Eine grundlegende Strukturveränderung in der deutschen Notfall- und Schwerstverletztenversorgung hat am vergangenen Wochenende Gestalt angenommen. Vom 19. bis 20. Juni 2026 trafen sich führende medizinische Experten in Münster, um die finalen Strukturen für ein wegweisendes Versorgungssystem zu verabschieden: die eng verzahnte Kombination aus den bereits etablierten Überregionalen Traumazentren (ÜTZ) der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, die mit plastisch rekonstruktiver Expertise ergänzt und zu Orthoplastischen Kompetenzzentren (OPZ) zusammengefasst werden.
Ziel dieser bundesweiten Neuheit ist eine signifikante Optimierung der Patientensicherheit und Versorgungsqualität bei schweren Extremitätenverletzungen. Das Klinikum St. Georg geht dabei als eine von bundesweit nur sechs exklusiven Pilotkliniken an den Start.
Diese Initiative geht auf eine Zusammenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und ästhetische Chirurgie zurück und dient einerseits der Verbesserung der Versorgungsqualität und andererseits der Resilienz des Gesundheitswesen in 3KSituationen (Krise, Krieg, Katastrophe).
Interdisziplinärer Quantensprung gegen Amputationen
Bisher orientiert sich die klinische Unfallchirurgie an einer dreistufigen Staffelung, die vom lokalen über das regionale bis zum überregionalen Traumazentrum reicht. Mit dem neuen System wird diese Struktur nun um eine hochspezialisierte orthoplastische Komponente erweitert.
Durch die obligatorische, interdisziplinäre Zusammenführung von Unfallchirurgie und Plastisch-rekonstruktiver Chirurgie unter einer gemeinsamen Führung wird sichergestellt, dass komplexe Gewebe- und Knochendefekte ohne zeitliche Verzögerung ganzheitlich rekonstruiert werden können.
„Die Kombination aus ÜTZ und OPZ ist eine echte Neuheit in Deutschland und ein Quantensprung für die Patientenversorgung. Internationale und nationale Erfahrungen zeigen, dass durch die die unmittelbare, gemeinsame Behandlung die Behandlungszeit verkürzt, die Komplikations- und Infektionsraten reduziert und die Amputationsrate gesenkt werden kann. Wir können gemeinsam Gliedmaßen retten und Funktionen erhalten, die früher als verloren galten“, führt Prof. Dr. med. Thomas Kremer, Chefarzt der Klinik für Plastische- und Handchirurgie am Klinikum St. Georg und Mitentwickler des neuen Systems aus.
Klare Kriterien für die anstehende Pilotphase
Im Rahmen des Starttreffens in Münster wurden die neuen Qualitätsfaktoren verbindlich definiert. Diese legen präzise fest, welche Patienten anhand ihres Verletzungsmusters in einem solchen kombinierten Zentrum vorgestellt werden sollen. Das strukturelle Fundament sieht nach dem erfolgreichen Wochenende ein strukturiertes „Soft-Opening“ vor:
- Pilotphase (6 Kliniken): Validierung der definierten Qualitätsfaktoren im Rahmen eines kontrollierten Soft-Openings.
- Vorab-Zertifizierung: Ermöglicht den teilnehmenden Häusern, die neuen Abläufe und Schnittstellen im klinischen Alltag unter realen Bedingungen zu erproben und fest zu etablieren.
Das Klinikum St. Georg als Vorreiter im Testballon
Als etabliertes überregionales Traumazentrum nimmt das Klinikum St. Georg eine Schlüsselrolle in diesem wegweisenden Projekt ein.
Die medizinische Leitung des neuen Zentrums vor Ort spiegelt die geforderte interdisziplinäre Symbiose perfekt wider: Das Zentrum wird fortan gemeinschaftlich durch PD Dr. Jörg Böhme (Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und septische Chirurgie) und Prof. Dr. Thomas Kremer (Klinik für Plastische- und Handchirurgie) geführt, um eine vollkommen verzögerungsfreie Indikationsstellung zu garantieren.
Mit der Verabschiedung des Strukturpapiers am Wochenende wurde der Grundstein für eine flächendeckende Modernisierung der deutschen Rettungsketten gelegt. Das Klinikum St. Georg leistet als Pilotklinik hierzu einen wichtigen Beitrag und stärkt damit die überregionale Versorgung von Traumapatienten.
HINTERGRUND: Warum die neue Struktur lebenswichtig wird
Der Start der Pilotphase ist Teil einer bundesweiten Strategie der medizinischen Fachgesellschaften (DGOU, DGU und DGPRÄC). Ziel ist es, langfristig in jedem deutschen TraumaNetzwerk mindestens ein solches orthoplastisches Kompetenzzentrum zu etablieren. Dahinter steckt auch eine Reaktion auf veränderte globale Sicherheitslagen:
- Lehren aus dem Ukraine-Krieg: Die Erfahrungen aus aktuellen Konflikten zeigen eine drastische Zunahme komplexer Explosions-, Splitter- und Mehrfachverletzungen. Solche Muster verlangen zwingend die kombinierte Expertise aus Knochen- und Weichteilspezialisten ab der ersten Minute im Schockraum.
- Vorbereitung auf den Ernstfall: Das neue System soll die Resilienz des deutschen Gesundheitswesens in sogenannten 3K-Situationen (Krise, Krieg, Katastrophe) sichern, damit das Land auch bei außergewöhnlichen Massenanfällen von Schwerstverletzten handlungsfähig bleibt.
Als wissenschaftliche Grundlage für diesen bundesweiten Ausbau diente das Innovationsfondsprojekt EXPERT, das über ein digitales Extremitätenboard bereits erfolgreich 32 Kliniken bei der Behandlung komplexer Verletzungen vernetzt hat.






